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Marathon – erleben wie ein „Gesunder“!

Diese Gedanken sind mir durch den Kopf gegangen, als wir heute Nachmittag die Ziellinie überquert haben. In diesem Moment ging für mich ein Lebenstraum in Erfüllung!

Was war geschehen:
Im Januar 2018 erhielt ich meine erste Gabe von Spinraza. Scherzhalber nenne ich dies immer meinen „Spinat“. Wer Popeye kennt, weiß wovon ich spreche. Die Zeichentrickfigur entfaltet magische Kräfte, nachdem sie eine Dose Spinat verschlungen hatte. Diese Affinität nahm meine Assistentin Regina als Aufhänger, um mich für 2020 zum New York-Marathon einzuladen… Was zunächst als Scherz gedacht war, entwickelte sich dann zu einer Idee: Ich wollte einen Marathon so erleben, als ob ich kein Handicap hätte. Schnell wurde uns klar, dass es nach New York weder finanziell noch organisatorisch nicht funktionieren würde.

Aus scherzhaften Worten wurde somit ein Gedanke, der sich zur Realität entwickeln sollte. Deshalb entschieden wir uns statt am New York-Marathon, wer hätte es gedacht, am Stadtlauf von Nördlingen, unserer geliebten Heimatstadt, teilnehmen zu wollen.
Leider ist es für Menschen im Rollstuhl nicht so einfach an einem „normalen“ Stadtlauf/Marathon mitzuwirken. Häufig werden von den Veranstaltern sogenannte „Handicap-Läufe“ angeboten. Dieser war aber nicht unser Ziel, denn mit einem E-Rolli wäre es doch ein wenig unfair gegen einen Rolli-Fahrer ohne elektrische Unterstützung anzutreten. So entwickelten sich zu Beginn der Planungen, die rund vier Monate vorher begannen, einige offene Fragen, die aber mit der freundlichen Unterstützung des Veranstalters geklärt werden konnten. Außerdem mussten noch der Rolli auf seine „Konsistenz“ geprüft, seine Fahreigenschaften getuned und ein Sicherheitskonzept entwickelt werden.

Dann war es soweit:
Um 15.45 Uhr standen wir unter insgesamt 1.400 Läufern pünktlich am Start. Alles wurde nochmal gecheckt: Arme und Beine fixiert, Kabel befestigt, Halswirbelsäule stabilisiert, alle beweglichen Teile entfernt, der Stimmverstärker auf ON….
3, 2, 1, GO! Tausende Besucher säumten die Strecke und jubelten uns zu. Motivationsgesten kamen von unendlich vielen Leuten, Freunden, Familiemitgliedern – ja sogar von Polizisten Die Zeit verging wie im Flug – oder flogen wir wirklich?

Es war ein unvergessliches Gefühl, vor allem als wir die Ziellinie überquerten.
Mein Herz pochte in meinem Brustkorb wie verrückt, ich spürte jede Ader an meinem Körper, zwar war nicht ich es, der sich körperlich angestrengt hatte, jedoch konnte ich die Anstrengung förmlich spüren.
Die Emotionen überschlugen sich unbeschreiblich und ich war nicht mehr Herr meiner Emotionen und Gedanken! Ja – ich weinte sogar vor Glück!

An Tagen wie diesen wünscht man sich Unendlichkeit …

In nur 39 Minuten und 25 Sekunden konnten wir die 5,9 km lange Wegstrecke auf Platz 512 der Einzelwertungen durch die Innenstadt von Nördlingen vollenden. Wir waren somit nur 19,9 Minuten langsamer als der Sieger!!!

Ich hätte nie gedacht, dass dies jemals wahr werden würde. Eine unfassbare Erfahrung und ein weiterer Meilenstein in meinem Leben.
Danke Regina, dass du mir diesen Traum ermöglicht hast!

Geboren um zu Leben!

Nur wenige Wochen später hatte ich zusammen mit Regina die Ehre, darüber bei Jule, in einem Podcast nochmals über das erlebte zu berichten. Jule ist eine bekannte Podcasterin in der Läuferszene.

Mein Dank gilt auch dem Veranstalter, dem Sanitätshaus Schad, der Firma Humanelektronik und schließlich meinem Assistenzteam, welches uns nicht nur bei der Vorbereitung geholfen, sondern auch an der Wegstrecke motiviert hat.