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Lieben und Schätzen gelernt

Vor einer Woche meldete sich bei mir Michael Seydaack, Redakteur der Zeitschrift MITEINANDER, mit der Bitte wieder einen Bericht über meinen Arbeitsplatz zu schreiben. Zunächst viel es mir schwer mich mit dieser Bitte anzufreunden, da mein erster Artikel: „Ein Traum wurde wahr“ in einer der letzten Ausgaben bereits sehr viel über mich sagte und mir deshalb das „Material“ fehlte über das ich berichten konnte. Doch mein Gewissen lies mir keine Ruhe, denn Freunde lasse ich nicht im Stich wenn sie mich um etwas bitten. Mein Terminkalender war an diesem Wochenende bereits sehr gefüllt, so das ich auch hier nicht zum schreiben kam. Die Dinge, die ich an diesem Wochenende erleben durfte waren für mich sehr lehrreich. Plötzlich hatte ich soviel zu erzählen, daß ich jetzt nicht schnell genug bin um meine Gedanken, die ich ihnen nicht vorenthalten kann und will, nieder zu schreiben.

Zunächst möchte ich Ihnen aber mitteilen, was sich bei mir seit meinem letzten Bericht verändert hat. Die erste wesentliche Veränderung ist, daß mir nun ein Betreuer (ZDL) zur Seite steht, der für mich die Handgriffe erledigt die ich selbst nicht erledigen kann, außerdem versorgt er mich auch bei anderen menschlichen Bedürfnissen. Auch zu den Besprechungen, die ca. alle 14 Tage im Hauptsitz der Firma stattfinden, bringt er mich hin. Persönlich mag ich die Bezeichnung Assistent lieber da sich Betreuer abwertender anhört. Eine weitere Neuerung ist, daß die Fa. INCAP nun seit Dezember 1993 für mich ein eigenes, wunderschönes Büro in Bopfingen für mich gemietet hat, indem ich nun Arbeiten darf. Ich vermisse meine zweite Heimat, die Konrad-Biesalski-Schule, doch die wesentliche Verkürzung der Fahrzeit von 45 Min. auf 10 Min. sind ein kleines Trostpflaster.

Die Tätigkeiten in meinem Aufgabengebiet haben sich nun auch erweitert. Ich bin nun für die Hotline zuständig, d.h. falls ein Kunde ein Problem mit unserer Software hat, kann er mich Anrufen und ich helfe ihm dann eine Lösung zu finden. Auch DTP-Arbeiten (» Gestaltung und Druck) von Bedienungsanleitungen zu Programmen und Geräten werden von mir übernommen.

Mittlerweile bin ich seit knapp zwei Jahren bei der Firma INCAP beschäftigt. Während ich arbeite, vergesse ich meistens, daß ich eigentlich behindert bin. Im Laufe der Zeit beginnt man damit, besondere Dinge für selbstverständlich zu halten. So auch bei mir. Ich bin immer noch der Meinung, daß meine Arbeitsstelle für mich wie „Ein sechser im Lotto“ ist. Dennoch wurde es für mich langsam Selbstverständlich täglich zu einem Vollwertigen bzw. „normalen“ Arbeitsplatz gebracht zu werden um dort eine Tätigkeit zu vollbringen die genau so gut ein „gesunder“ tun könnte. Am oben besagten Wochenende besuchte ich eine Klassenkameradin die seit einigen Monaten arbeitslos ihre Tage, Wochen und Monate Zuhause vor dem Fernseher verbringen muß. Ich war sehr betroffen und hatte fast Hemmungen von meinem „Lottoglück“ zu berichten. Ich weiß, daß es für alle Menschen sehr schlimm ist arbeitslos zu sein, doch ich will damit zum Ausdruck bringen, daß es für Behinderte sicherlich noch viel schlimmer ist, da man sich dann noch viel nutzloser und überflüssiger vorkommt, wenn man eine Absage der Bewerbung um einen Arbeitsplatz nach der anderen bekommt. Ich danke hiermit nochmals allen die maßgeblich an der Einrichtung meines Arbeitsplatzes beigetragen haben. Denn das Gefühl als Behinderter gebraucht zu werden ist unbeschreiblich und für mich nicht in Worte zu kleiden. Seit diesen Stunden schätze ich meinen Job nochmals wesentlich mehr. Das andere Ereignis an diesem Wochenende war ein eher positives: Die Firma hat zu Beginn des Jahres neue Büroräume in Pforzheim bezogen, die jetzt eingeweiht wurden. Selbstverständlich nahm ich und mein Assistent auch an den Feierlichkeiten teil. Es war ein sehr gelungenes Fest. Ich lernte viele neue nette Menschen kennen und ich lernte meine Arbeitskollegen wesentlich intensiver kennen. An diesem Tag war das Gefühl des dazugehörens, als Behinderter akzeptiert zu werden, jenes das unbeschreiblich ist.

Hier begann ich meine Tätigkeit noch mehr zu mögen, ja sogar noch mehr zu lieben. Während der Feierlichkeiten gab mein Chef Christoph Jo. Müller bekannt, daß er derzeit an einem Projekt arbeitet, wo er versuchen möchte für ca. 3-4 Wochen Behinderte in Firmen unterzubringen, um eine Art Praktikum zu durchlaufen um anschließend vielleicht fest übernommen zu werden. Einerseits soll den Behinderten die Angst vor der Arbeit und dem Streß genommen werden. Andererseits soll den Arbeitgebern gezeigt / bewiesen werden, daß Körperbehinderte gleichwertige Arbeitnehmer sind. Ich hoffe, daß sich sehr viele Arbeitgeber bereit erklären mitzumachen und sich nicht von der Rezession abhalten lassen wenigstens diesen einen Monat einen (weiteren) Behinderten zu beschäftigen. Ich werde mit aller Macht und Kraft dieses Projekt zu unterstützen.

Es war ein sehr bewegtes Wochenende an dem ich meinen Job intensiver lieben und schätzen lernen durfte.

Matthias Küffner