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Keiner muss Wunder vollbringen

Der Utzmemminger Matthias Küffner steht vor einem riesigen Problem: im Sommer gehen ihm die Zivildienstleistenden aus.

Unternehmungslustiger Jung-Manager sucht Assistenten für Büro, Zuhause und Reisen. So könnte seine Anzeige lauten. Oder auch: Wer geht lebensfrohem Workaholic zur Hand? Aber eigentlich schreit es in Matthias Küffner nur: Zivis gesucht! Denn ohne sie und die Elektrotechnik ist der junge Mann aus Utzmemmingen aufgeschmissen.

RIESBÜRG-UTZMEMMINGEN Es gibt keine körperliche Behinderung, die es nicht ermöglicht, einen Computer zu bedienen. Das ist Matthias Küffners Devise. Seit zehn Jahren arbeitet er an “Momo”, einem Schreib- und Kommunikationssystem für Behinderte. So hat er für Menschen, deren Fähigkeiten weit davon entfernt sind, die Finger auf die Tastatur zu bekommen oder auch nur einen Laut von sich zu geben, eine Software entwickelt, die ihnen den Computer zum Komplizen für ein klein bisschen einfacheres Leben macht. Schon vielen Schwerbehinderten hat Küffner so ein Stückchen Lebensqualität und Freiheit geschenkt.
Neben seiner Arbeit bei INCAP, einer Pforzheimer Firma, die Hilfsmittel für Behinderte entwickelt, produziert und vertreibt, hat er noch eine eigene Firma für Web-Design und den Vertrieb von Handys. Im Frankfurter Arbeitskreis Ethik arbeitet er mit. Ach ja, und Vorsitzender der DGM (Deutsche Gesellschaft für Muskelkranke) ist er auch noch. Damit ist er ständig auf Achse, reist von einer Versammlung zur nächsten, besucht Messen und betreut nebenbei noch die Incap-Kunden von seinem Satellitenarbeitsplatz in Bopfingen aus. Ein junger Mann mit Managerqualitäten eben.
Privat zieht es ihn auf Pop-Konzerte und zur Formel 1. Mit seinem Ex-Zivi Dominik, mit dem ihn wie mit sechs anderen eine enge Freundschaft verbindet, und Freundin Birgit macht er Urlaub in Italien oder Paris. Und doch kann er das alles nur, wenn er seinen Zivi bei sich hat. Denn der 29-Jährige ist selbst schwer behindert.
Die großen Probleme, zum Beispiel, wie ein stark behinderter Mensch am Computer arbeiten kann, löst Küffner schon selbst. Aber er kann sich nichts selbst zu trinken holen, kann nicht Auto fahren, sich sein Headset nicht selbst aufsetzen oder seine Fische füttern. Denn dazu braucht man Arme. Und die versagen dem Ferrari- und Handy-Fan, der in jeder freien Minute an seiner Homepage (www.M-Kueffner.de) bastelt, den Dienst. Genauso wie alle anderen Muskeln, die ihn nach und nach im Stich lassen.
Ab dem Sommer wird er wohl nicht nur an spinaler Muskelatrophie – einer der über 600 Muskelkrankheiten – leiden, sondern auch an akutem Zivi-Notstand. “Ende Juli hören drei meiner momentanen Zivis auf, Ende August die anderen beiden und zieht man den Resturlaub noch ab, sitz’ ich noch früher auf dem Trockenen und weiß nicht, wie ich über den Sommer kommen soll.”
Üblicherweise treten die neuen Zivis ihren Dienst erst im September an. Die Johanniter, die den Programmierer, der in Bopfingen arbeitet, mit Zivis versorgen, wissen nicht, wie sie das Sommerloch überbrücken sollen. Deshalb hat sich Matthias Küffner an die SCHWÄBISCHE POST gewandt. Er hofft, dass ein paar Anwärter diese Zeilen lesen und sich entschließen, nicht erst bis zum Frühherbst mit ihrem Zivildienst zu warten. “Wer anschließend studieren will, müsste doch ganz froh sein, wenn er früher fertig wird und ein Semester eher einsteigen kann. Vielleicht steht auch bei jemand ein Arbeitsplatzwechsel an und der Dienst ließe sich geschickt dazwischen schieben.”
Zur Qual werden die zehn Monate den jungen Leuten bei Matthias Küffner nicht. “Ich bin kein Sklaventreibertyp. Mir liegt an einem freundschaftlichen Verhältnis und es muss auch keiner Wunder vollbringen.” Küffner macht den Dienstplan selbst, berücksichtigt die Wünsche und Vorlieben seiner Helfer, so dass es keine Reibereien gibt. Angst vor schwerer körperlicher Arbeit braucht ein Zivi bei dem Utzmemminger nicht zu haben. Denn der ist fast ein schwäbischer James Bond, dem die Technik viel möglich macht.

Quelle: SCHWÄBISCHE POST / 27. April 2002

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